Deutsche Erinnerungslücke KZ Ohrdruf

1944 – 2022 – 2100
Das unvollendete Denkmal

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Ein partizipatives Projekt zur Entwicklung eines Erinnerungsortes für die Opfer und Überlebenden des KZ-Komplexes Ohrdruf/Jonastal

Film-Workshop "Memory Walk" - Jugendliche unterwegs in Gotha, Ohrdruf und dem Jonastal (Foto: Michał Żak)

Am 4. April 1945 erreichten amerikanische Soldaten das südlich vor Gotha gelegene Konzentrationslager am Ortsrand von Ohrdruf. Es war das erste KZ, das die US-Alliierten befreiten. Zwischen albtraumhaften „Haufen“ von Toten stießen sie gleichzeitig das erste Mal auf noch lebende Häftlinge. Internationale Kriegsberichterstatter wurden nach Ohrdruf gerufen und berichteten vom „Horror Camp“, gelegen südlich der idyllischen Burgenlandschaft Drei Gleichen zwischen Ohrdruf, Crawinkel und Arnstadt, heute ein (nicht zugänglicher) Standortübungsplatz der Bundeswehr.

Während in der US-amerikanischen Geschichte zum Zweiten Weltkrieg „Ohrdruf“ ein Begriff ist, ist er aus dem Gedächtnis der Deutschen gefallen und selbst als Chiffre regional wie lokal weitgehend unbekannt. Als eines von über 130 Außenlagern des KZ Buchenwald wurde das Lager Ohrdruf am 6. November 1944 eingerichtet. Zeitweise stand es unter eigenständiger Verwaltung, bevor es ab dem 15. Januar 1945 wieder als Außenlager des KZ Buchenwald geführt wurde.

Menschen aus mehreren europäischen Ländern wurden hierher verschleppt, um im nahegelegenen Jonastal unter Schwerstarbeit bis zu 14 Stunden täglich Stollen in das Gelände zu treiben. Teile der Stollenanlage und Fundamentreste sind noch vorhanden. Mythen wuchern heute im Jonastal und verdecken den Blick auf die Opfer.

Zum Lager-Komplex gehörten ein Nord- und Südlager bei Ohrdruf und bald eine Luftmunitionsanstalt samt Bunker in Crawinkel sowie ein Zeltlager bei Espenfeld. Dokumente vom 16. Februar 1945 listen für das Lager den Höchststand von 12.459 Häftlingen, während insgesamt etwa 20.000 Häftlinge das Lager durchliefen – untergebracht in menschenunwürdigen Zuständen. Die Wissenschaft geht aktuell von etwa 7.000 Toten aus.

Wer waren die Menschen, die hier gefoltert, ausgehungert, getötet wurden? Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach ihren Namen, nach ihren Schicksalen. Und wenn es nur Bruchstücke von Biografien sind, wir sammeln sie ein, wir machen sie sichtbar.

Der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower (Mitte) am 12. April 1945 im wenige Tage zuvor befreiten Konzentrationslager Ohrdruf.
Die (westliche) Welt sieht Bilder vom Holocaust: Zeitungen wie die New York Times, die Washington Post oder die New York Herold Tribune (hier vom 27. April 1945) schreiben über Ohrdruf und andere Lager.

1944 – 2022 – 2100: Ebenso lang wie wir zurückblicken, versuchen wir vorauszuschauen bis in das Jahr 2100. Mit dem Prinzip eines „unvollendeten Denkmals“ gestalten dieses Generationen, um aus einer ritualisierten Erinnerungskultur auszubrechen und den Dialog mit der eigenen Geschichte nie abreißen zu lassen. An was wollen wir wie erinnern?

Verschiedene Bildungsmodule für Gruppen und individuell Interessierte wurden entwickelt, um in einem partizipativ-performativen Zusammenspiel von Jugendlichen, Expert:innen, Z(w)eitzeug:innen und Künstler:innen Inhalte und Formen zu schaffen für einen virtuellen Erinnerungsort Ohrdruf/Jonastal. Mit den Mitteln der Kunst versuchen wir Formen zu finden, um das Nichtdarstellbare darzustellen. Perspektivisch sind physische Verankerungen dezentral im öffentlichen Raum angedacht, um auf den Ort, seine Geschichte und den wechselhaften Umgang mit dieser aufmerksam zu machen.

Modul 1: Memory Walk Ohrdruf – Video-Workshop

mit Vor-Ort-Begehung

Zeit: 4 Tage
Ort: Herzogliches Museum Gotha, Schlossplatz 2, 99867 Gotha

Das Format basiert auf der Idee des Anne Frank Hauses in Amsterdam, junge Menschen zu ermutigen, sich aktiv mit der Geschichte der Shoah anhand der spezifischen Geschichte ihres Ortes auseinanderzusetzen. Wesentlicher Zugang für diese Auseinandersetzung ist die Frage, wie im lokalen Raum an historische Ereignisse und Entwicklungen erinnert wird und wie diese Erinnerungskultur unseren heutigen Blick auf die Vergangenheit beeinflusst.

Der Workshop besteht aus zwei Ebenen: Theorie und Analyse sowie Praxis und Technik. Ziel ist die kritische Reflexion der Erinnerungskultur allgemein und speziell in der Region und zugleich die Entwicklung von konkreten Produkten in Form von ca. 5-minütigen Kurzfilmen.

Modul 2: #everynamecounts – Jeder Name zählt

in Kooperation mit den Arolsen Archives

Zeit: flexibel (mind. 1 Tag)
Ort: variabel (z.B. in einer Schule)

Für die Toten, für die Nachfahren – „jeder Name zählt“: Die Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts der Arolsen Archives bietet einen unmittelbaren Weg, sich aktiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und durch die Mitarbeit ein Zeichen zu setzen: für die Erinnerung an die NS-Opfer und für Respekt, Vielfalt und Solidarität. Bei der Daten-Recherche begeben wir uns auf die Suche nach den Schicksalen von Verfolgten der NS-Zeit und ermöglichen so Nachfahren, endlich die Geschichten ihrer Verwandten zu erfahren.

Einerseits bildet die Recherche nach bereits bekannten Personen im Online-Archiv der Arolsen Archives die Grundlage, um Schicksale und Biografien zu rekonstruieren. Anderseits werden über die Datenindizierung auf dem Crowdsourcing-Tool von #everynamecounts neue Daten erhoben. Neben den Workshop-Teilnehmer:innen sollen auch weitere Freiwillige weltweit gewonnen werden, die das Vorhaben unterstützen. In Kooperation mit der Gedenkstätte Buchenwald und den Arolsen Archives sollen angepasste Workflows mit einem Schwerpunkt auf den Lagerkomplex Ohrdruf erarbeitet werden, sodass die Basis für einen wachsenden digitalen Erinnerungsort mit geschaffen wird.

Modul 3: Darstellbarkeit des Nichtdarstellbaren – Kunst-Workshops

in Zusammenarbeit mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule e.V. sowie freien Künstler:innen

mit Vor-Ort-Begehung

Zeit: 2-4 Tage (variabel je nach Künstler:in und Genre)
Ort: variabel

Mit den Mitteln der Kunst versuchen wir Formen zu finden, um das Nichtdarstellbare darzustellen. Künstler:innen aus unterschiedlichen Bereichen führen in technische Grundlagen ein und begleiten individuelle Ideen bis zur Fertigung. Die entstandenen Arbeiten oder Gemeinschaftswerke zwischen Abstraktion und Konkretion werden digitalisiert und Teil des digitalen Denkmals, ausgewählte Objekte museal inventarisiert.

Genres: Architektur/Baukultur, Comic, Film, Fotografie, Land Art, Literatur, Malerei, Musik, New Media Art, Plastik, Street Art/Urban Art, Tanz, Theater

„Wir leben über/unter Bergen von Toten“ Manon Grashorn, Christoph Mauny: „Wir leben über/unter Bergen von Toten“ (Ohrdruf Concentration Camp), Collage, 1945/1995/2022

„Das Scharren der tausend hölzernen Latschen, schrille Pfiffe, brutale Rufe irgendwo im Wald. Wir hörten niemanden klagen. Wer nicht mehr konnte, ließ sich fallen. Nur ein Wort pflanzte sich weiter von Reihe zu Reihe: Das ist die Hölle, dos Gehennem, c’est l’enfer!

Crawinkel hieß der Flecken nahe dem Lager. (Hat Goethe diesen idyllischen Krähwinkel denn nirgends erwähnt?) Das Lager besaß nicht jene praktische Erfindung, Gaskammer genannt. Unter den hohen Fichten verglühten Leichen auf riesigen Scheiterhaufen. Giftige Rauchschwaden krochen träge über die Wurzeln der Bäume und deckten das Gewirr nackter Leiber wie mit Wattebauschen zu. […] Daran nun erinnert mich WALD. (Thüringischer Wald, deine Wurzeln nähren sich von ihrer Asche!)

aus: Fred Wander, Der siebente Brunnen, Wien 1971

Schulklassen und Gruppen können die verschiedenen Bildungsmodule kostenfrei buchen. Individuelle Termine sind möglich.

Zur Vor- und Nachbereitung empfehlen wir Lernmaterialien unseres Netzwerk-Partners, dem Anne Frank Zentrum.

Termine, Rückfragen und Buchungen:
Stiftung Schloss Friedenstein Gotha
Dr. Christoph Mauny (Projektleitung)
mauny(at)stiftung-friedenstein.de

Ein Erinnerungsprojekt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha in Kooperation mit den Arolsen Archives und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. In Zusammenarbeit mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule sowie freien Künstler:innen, dem Staatlichen Schulamt Westthüringen und der Bundeswehr.

Unter gemeinsamer Schirmherrschaft der Städte Arnstadt, Gotha und Ohrdruf.

Teil des Netzwerk-Projekts Erinnern vor Ort des Anne Frank Zentrums.

Gefördert durch Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von „OPEN FRIEDENSTEIN!“.