Die Gothaer Synagoge lebt.

Fassadenprojektion am Ort der Zerstörung

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sichtbar, was unsichtbar gemacht worden ist

Die Wirkmächtigkeit der systematischen Auslöschung jüdischen Lebens durch das NS-Regime ist spürbar bis in die Gegenwart. Die Fassadenprojektion „Die Gothaer Synagoge lebt“ macht wieder sichtbar, was unsichtbar gemacht worden ist: die Synagoge als Teil des Gothaer Stadtbildes und „jüdische Kultur“ als lebendigen Teil der „deutschen Kultur“. Ähnlich einer Flaschenpost hat sie, unbemerkt, in unserer Alltagssprache überlebt.

Sämtliche Schulen im Landkreis Gotha wurden deshalb im Frühjahr 2021 aufgerufen, sich an dem Teil-Projekt „Vokabeln zur jüdischen Kultur“ zu beteiligen. Es galt, im Unterricht oder in Arbeitsgruppen erarbeitete Vokabel-Begriffe wie „Kaff“, „Hals- und Beinbruch“ oder „zocken“ einzureichen. Die Vokabeln stehen ab sofort zum kostenlosen Download bereit.

„Die Idee ist“, so Christoph Mauny von der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, „Erinnerungskultur, Sprachwissenschaft und Medienkunst am historischen Ort zu vereinen.“ Jene drei Bereiche verbinde ein „jeder noch so brutalen Realität trotzendes Grundprinzip“, wie der Projektleiter erläutert: „In ihnen sind die Toten nicht tot“ – und so blieben auch die Gothaer Synagoge und mit ihr die jüdische Kultur der Stadt „real“. Die Stiftung, die unter anderem die Sammlung zur Stadtgeschichte Gothas bewahrt, wolle mit der urbanen Installation zugleich „die gesellschaftliche Rolle von Museen neu denken“.

Anfang des 20. Jahrhunderts gehört die Gothaer Synagoge zum stolzen Teil der altehrwürdigen Residenzstadt, wird als Sehenswürdigkeit beworben, mitunter auf Augenhöhe mit Schloss Friedenstein. Der 11. Mai 1904 wird zum Zeichen für die „Toleranzleistung Stadt“: Als nach jahrzehntelangen Bemühungen die prachtvolle Synagoge feierlich eingeweiht wird, geschieht dies bemerkenswerterweise im Beisein des Staatsministers, des Oberbürgermeisters, des Oberhofpredigers sowie der Vorsteher der beiden großen christlichen Kirchen. Heute erleben wir in Thüringen mit der neuen Tora-Rolle für die Jüdische Landesgemeinde, finanziert von der evangelischen und katholischen Kirche, wieder solch ein Zeichen des interreligiösen Dialogs.

Vom 9. zum 10.11.1938, in der Nacht der staatlich organisierten Novemberpogrome, wird das prachtvolle Gebäude, 34 Jahre lang verankert mitten in der Stadt, geschändet und in Flammen gesteckt. Die Feuerwehr bewacht das Niederbrennen. Wenige Monate später beginnt der Abriss der Trümmer – auf Kosten der jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder inhaftiert und deportiert werden.
Nach dem Krieg spielen Kinder auf der Brachfläche zwischen baulichen Überresten der „Syna“, ohne zu wissen, was damit gemeint ist. Später werden Parkplätze geschaffen, dann ein Supermarkt, in „Wohnscheiben“ hausen Menschen. Nach einem halben Jahrhundert des Vergessens wird 1988 ein Denkmal gesetzt. Nach dessen vorübergehenden Entfernung ist es seit Ende 2020 in neuer Gestaltung Teil eines Fachmarktzentrums („Altstadtforum“).
Vom 27. bis 31. Oktober 2021 wird dieser Bereich, ein Durchgang zwischen zwei Gebäudeteilen, in den Abendstunden mit einer raumgreifenden Video-Sound-Installation zu einem Ort lebendigen Erinnerns. Ein Filmteam hält die ästhetische Inszenierung fest.

„Die Gothaer Synagoge lebt“ ist ein Projekt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha in Kooperation mit Genius Loci Weimar, gefördert von der Thüringer Staatskanzlei im Rahmen von „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“.

Das Teil-Projekt „Vokabeln zur jüdischen Kultur“ wird gefördert vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Rahmen des Landesprogramms Denk bunt. In Zusammenarbeit mit der Stadt Gotha, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, dem Staatlichen Schulamt Westthüringen sowie Schulen und Jugendlichen aus dem Landkreis Gotha.